Der ultimative Leitfaden für Doppelbelichtungen auf Film
Eine Filmrolle vom Labor zurückzubekommen, ist schon das beste Gefühl der Welt. Aber irgendwo in der Mitte deiner Rolle eine perfekt ausgeführte Doppelbelichtung zu entdecken? Dieses Gefühl ist unvergleichlich. Du weißt, wovon ich spreche – diese traumhaften, surrealen Bilder, bei denen das Gesicht eines Freundes nahtlos in ein Blätterdach eines Waldes übergeht oder die Neonlichter der Stadt durch eine dunkle Silhouette hindurchscheinen. Als ich anfing, mit Film zu fotografieren, dachte ich, man müsse ein Dunkelkammer-Zauberer sein oder eine unglaublich teure Spezialausrüstung besitzen, um das richtig hinzubekommen. Dabei ist es eigentlich ziemlich einfach, sobald man versteht, wie die Kamera funktioniert und wie Film auf Licht reagiert.
Ehrlich gesagt sind Doppelbelichtungen eine der coolsten Sachen, die man mit analoger Fotografie machen kann. Du legst buchstäblich Zeit und Licht auf ein einziges Stück Plastik. Dabei fotografierst du einen Bildausschnitt, bringst deine Kamera dazu, den Film nicht weiterzuspulen, und fotografierst genau denselben Bildausschnitt noch einmal. Lass uns anschauen, wie das tatsächlich funktioniert, egal welche Kamera du heute in deine Tasche packst.
Die Grundrechnung der Film-Belichtung
Das Wichtigste, was du vor dem Auslösen verstehen musst, ist, dass Film grundlegend anders ist als ein digitaler Sensor. Bei einer Digitalkamera erfassen die Pixel, was da ist, und überschreiben die Daten. Beim Film brennst du Licht physisch in eine chemische Emulsion ein, und Licht ist additiv. Wenn ein Teil deines Negativs von hellem Licht getroffen wird, ist er komplett „durchgebrannt“. Egal, was du für dein zweites Bild machst, in dieser hellen weißen Stelle wird nichts Neues auftauchen – sie ist schon „voll“ mit Licht.
Aber die dunklen Bereiche? Die Schatten? Dieser Teil des Films hat kaum Licht abbekommen und ist somit eine absolute leere Leinwand für das, was du als Nächstes fotografierst. Weil du denselben Film zweimal belichtest, also mit zwei separaten Lichtblitzen triffst, ist es sehr leicht, versehentlich das ganze Bild zu überbelichten und am Ende ein ausgewaschenes Durcheinander zu bekommen. Der Trick ist einfache Mathematik: Wenn du eine perfekt ausbalancierte Doppelbelichtung möchtest, solltest du beide Aufnahmen jeweils genau um eine Blendenstufe unterbelichten. Wenn du einen ISO 400 Film verwendest, stellst du vorübergehend den Belichtungsmesser deiner Kamera auf ISO 800, während du deine Doppelbelichtungen machst. Das halbiert das Licht für jede Aufnahme, sodass eine halbe Belichtung plus eine halbe Belichtung eine perfekt belichtete Endaufnahme ergibt.
Verwendung eines eingebauten Mehrfachbelichtungs-Schalters
Kommen wir nun zur Ausrüstung. Viele großartige manuelle und elektronische SLR-Filmkameras aus den Siebzigern und Achtzigern haben tatsächlich eine eingebaute Mehrfachbelichtungsfunktion. Kameradesigner aus dieser Zeit wussten, dass Fotografen gerne experimentieren, und machten den Prozess deshalb wunderbar einfach. Meistens sieht diese Funktion aus wie ein kleiner Hebel direkt neben deinem Hauptfilm-Transporthebel oder manchmal ist es ein kleiner Schiebeschalter auf der Oberseite der Kamera.
Wenn du diesen kleinen Schalter aktivierst und den Transporthebel ziehst, spannst du mechanisch den Verschluss für eine weitere Aufnahme, aber die inneren Zahnräder, die die Aufwickelspule drehen, bleiben komplett blockiert. Dein Film bewegt sich keinen Millimeter. Du kannst einfach dein zweites Bild komponieren, den Auslöser drücken und dann die Kamera normal weitertransportieren, um zum nächsten frischen Bild zu gelangen.
Der manuelle Rückspul-Trick (Die klassische Methode)
Aber was, wenn deine Kamera älter, komplett mechanisch ist und diesen schicken kleinen Schalter nicht hat? Keine Sorge, du kannst sie mit dem manuellen Rückspul-Trick trotzdem austricksen. Es fühlt sich beim ersten Mal etwas wackelig an, funktioniert aber bei fast jeder klassischen mechanischen mechanischen SLR einwandfrei.
- Schritt 1: Mach dein erstes Foto und lass die Kamera genau so, wie sie ist.
- Schritt 2: Klappe den kleinen Hebel an deiner Filmrückspulkurbel hoch – das ist der Knauf auf der linken Seite, mit dem du den Film zurück in die Dose rollst, wenn die Rolle fertig ist. Drehe ihn langsam und vorsichtig im Uhrzeigersinn, bis du ein ganz leichtes Spannungsgefühl spürst. Hör genau da auf und halte den Knauf mit deinem Daumen fest, damit er nicht verrutscht.
- Schritt 3: Drücke den Filmlösetaster auf der Unterseite der Kamera. Das ist der versenkte Knopf, den du normalerweise drückst, um die Zahnräder zum Rückspulen zu entriegeln.
- Schritt 4: Halte den unteren Knopf gedrückt und den oberen Rückspulknauf fest. Ziehe dann mit der rechten Hand selbstbewusst den großen Filmtransporthebel.
Weil du den Lösetaster drückst, lösen sich die inneren Zahnräder. Weil du die Spannung auf der Filmrolle hältst, kann sich der Film physisch nicht in der Kamera bewegen. Der Verschluss wird gespannt, aber der Film bleibt an Ort und Stelle. Boom. Du bist bereit für das zweite Bild.
Wie sieht es mit Kompaktkameras und Point-and-Shoots aus?
Was, wenn du nicht mal einen manuellen Transporthebel hast? Viele Leute tragen meistens motorisierte Point-and-Shoot-Kameras in ihren Jackentaschen. Leider spulen fast alle motorisierten Point-and-Shoots den Film sofort weiter, sobald du den Auslöser drückst. Du kannst sie nicht so leicht austricksen. Einige höherwertige Zoom-Modelle aus den Neunzigern haben jedoch tatsächlich einen Doppelbelichtungsmodus, der tief im LCD-Menü versteckt ist – einfach nach einem kleinen Symbol mit zwei überlappenden Quadraten suchen.
Wenn deine Kamera diesen Modus nicht hat, musst du die berüchtigte „Filmtausch“-Methode verwenden. Dabei fotografierst du eine ganze Filmrolle normal, spulst sie zurück, legst sie wieder in die Kamera ein und fotografierst die ganze Rolle noch einmal von vorne. Das Ergebnis ist pures, ungefiltertes Chaos. Du hast keine Kontrolle darüber, wie die Bilder übereinanderliegen, aber ehrlich gesagt macht gerade diese Unvorhersehbarkeit den Reiz aus. Um die Chance zu erhöhen, die Bilder einigermaßen auszurichten, machst du mit einem Permanentmarker einen kleinen Punkt auf deinen Filmanfang direkt über der Aufwickelspule, bevor du den Rückdeckel für die erste Runde schließt. Wenn du den Film für die zweite Runde wieder einlegst, richtest du diesen Marker genau an derselben Stelle aus. So liegen deine Bilder ungefähr übereinander, statt sich durch die Perforation wie ein Filmstreifen zu verschieben.
Ein paar kreative Ideen zum Ausprobieren
Jetzt, wo du die mechanische Seite beherrschst, musst du wissen, worauf du deine Linse eigentlich richten willst.
Silhouetten sind der beste Einstieg für Anfänger. Positioniere einen Freund vor einem hellen, ausgebrannten, bewölkten Himmel und unterbelichte sein Gesicht stark, sodass er wie ein reiner schwarzer Schatten aussieht. Für das zweite Bild richtest du die Kamera auf die Blätter eines Baumes oder machst eine Nahaufnahme eines Blumenmusters. Weil der Himmel im ersten Bild komplett ausgebrannt war, erscheinen die Blätter nur innerhalb der dunklen Umrisse des Körpers deines Freundes.
Geisterbilder sind ein weiterer Klassiker. Stelle deine Kamera auf ein Stativ und fotografiere eine leere Straße mit normaler Belichtung. Für das zweite Bild lässt du deinen Freund in die Bildmitte gehen und drückst erneut den Auslöser. Weil der Hintergrund zweimal belichtet wurde, dein Freund aber nur einmal, wirkt er völlig durchsichtig wie ein umherwandernder Geist.
Rüste dich für deine nächste Filmrolle
Ehrlich gesagt bedeutet ernsthaftes Experimentieren mit Filmfotografie meist, das Licht zu verändern, das in dein Objektiv fällt. Wenn du für dein erstes Bild einen Farbfilter auf dein Objektiv setzt und für das zweite Bild einen ganz anderen Farbfilter verwendest, entstehen unglaublich verrückte, zweifarbige psychedelische Schichten. Coole Optionen findest du ganz einfach in unserem Filter-Sortiment. Wenn du drinnen perfekte scharfe Silhouetten fotografieren möchtest, ist ein günstiger Vintage-Blitz die beste Möglichkeit, die Helligkeit deines Hintergrunds komplett zu kontrollieren. Brauchst du einen Aufsteckblitz zum Einstieg? Schau dir diese schnelle Vintage-Blitz-Suche an und bring etwas künstliches Licht in dein Setup.
Doppelbelichtungen erfordern viel Ausprobieren. Lass dich nicht entmutigen, wenn deine ersten Versuche aus dem Labor wie ein matschiger Sumpf aus überlappenden Farben zurückkommen. Mach dir Notizen, was du fotografiert hast, passe dein Licht an und bleib dran. Für mehr Anleitungen, wie du deine kreativen Grenzen erweiterst und das Beste aus deiner Vintage-Ausrüstung herausholst, schau unbedingt in unsere weiteren Fototipps. Schnapp dir deine Lieblingskamera, lade eine günstige Filmrolle ein und leg los mit dem Experimentieren.