Fuji GW690 vs. Fuji GSW690: Die Wahl des Sichtfelds
Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als ich einen Filmstreifen aus dem Entwicklungstank zog, nachdem ich mit einer Fuji 6x9 Kamera fotografiert hatte. Den Filmstreifen gegen das Licht haltend, musste ich tatsächlich laut lachen. Die Negative sind völlig absurd. Mit 6x9 Zentimetern sind sie ungefähr so groß wie eine Spielkarte. Man braucht nicht einmal eine Lupe, um die Gesichtsausdrücke der Menschen oder die Straßenschilder im Hintergrund zu erkennen. Es ist pure, ungefilterte Mittelformat-Magie.
Wenn du dich schon einmal mit dem Umstieg auf diese riesige Negativgröße beschäftigt hast, bist du fast sicher schon auf die Fuji 690 Serie gestoßen. Umgangssprachlich als „Texas Leica“ bekannt, weil sie genau wie ein klassischer 35mm Messsucher aussehen, der von einem Sci-Fi-Vergrößerungsstrahl getroffen wurde, sind diese Kameras Legenden. Sie sind komplett manuell, unglaublich zuverlässig und beherbergen einige der schärfsten Objektive, die je in ein Mittelformatsystem eingebaut wurden.
Aber wenn du dich schließlich entscheidest, eine zu kaufen, stehst du an einer ganz bestimmten Weggabelung: Nimmst du die Fuji GW690 oder die Fuji GSW690? Da es sich um Kameras mit fest eingebautem Objektiv handelt, ist die Wahl im Grunde genommen das Sichtfeld, das du für die absehbare Zukunft festlegst. Lass uns die Unterschiede zwischen den beiden aufschlüsseln, wie sie sich in der Praxis anfühlen und welche in deine Kameratasche gehört.
Das Texas Leica-DNA verstehen
Bevor wir uns an den Unterschieden zwischen GW und GSW aufhängen, müssen wir über das sprechen, was sie gemeinsam haben, denn das Fotografieren mit einer dieser Kameras ist ein wirklich einzigartiges Erlebnis. Egal ob du die Mark I, Mark II oder die etwas plastikartigere (aber leichtere) Mark III Version bekommst, die Kernmechanik ist wunderschön identisch.
Erstens hat keine dieser Kameras einen eingebauten Belichtungsmesser. Sie sind komplett mechanische Geräte. Keine Batterien nötig, keine Elektronik, die dir bei einem kalten Winter-Shooting ausfällt. Du musst einen externen Belichtungsmesser verwenden oder dich auf die Sunny-16-Regel verlassen.
Zweitens, der Verschlussklang. Oh, der Verschlussklang. Trotz eines praktisch lautlosen Lamellenverschlusses im Objektiv haben die Fuji-Ingenieure einen mechanischen Auslöserzähler am Kameraboden eingebaut, um die Lebensdauer zu verfolgen. Wenn du den Verschluss auslöst, schlägt eine riesige Federmechanik heftig im Gehäuse zu, um den Zähler weiterzubewegen. Das Ergebnis ist ein lautes, klingelndes „T-CLACK!“, das eher an einen schweren Hefter oder eine zuschnappende Mausefalle erinnert als an ein präzises optisches Instrument. Vergiss es, auf der Straße unauffällig zu sein – wenn du ein Foto machst, drehen sich alle um.
Schließlich bekommst du wegen der riesigen Negative auf einem Standard-Rollfilm 120 genau acht Aufnahmen. Acht Bilder. Du lernst wirklich, langsamer zu werden, sorgfältig zu belichten und mit Absicht zu komponieren, wenn jeder Auslöser ein paar Euro kostet.
Der Standard-Arbeitstier: Fuji GW690 (90mm Objektiv)
Die GW690 ist oft die Standardwahl für die meisten, die in das Fuji 6x9 System einsteigen, und das aus gutem Grund. Sie ist mit einem fest eingebauten 90mm f/3.5 EBC Fujinon Objektiv ausgestattet. 90mm klingt für jemanden, der 35mm Film gewohnt ist, wie ein Portrait-Teleobjektiv, aber bedenke, dass die Sensorgröße (das Filmstück) riesig ist.
Berücksichtigt man den 6x9 Crop-Faktor, entspricht das 90mm Objektiv ungefähr einem 39mm Objektiv im Vollformat. Es besetzt diesen perfekten „leicht weitwinkligen Normalbereich“ und liegt bequem zwischen einem klassischen 35mm und einem 50mm Objektiv.
Für wen ist die GW690 geeignet?
- Der Alltagsfotograf: Wenn du eine Kamera möchtest, um deine Roadtrips, deine Freunde im Diner und ein cooles klassisches Auto auf der Straße zu dokumentieren, ist diese Brennweite unglaublich vielseitig. Sie fühlt sich weder zu eng noch zu weit an.
- Porträtfotografen: Obwohl es kein enges Headshot-Objektiv ist, ist es brillant für Umweltporträts. Du kannst zurücktreten, das komplette Outfit und die Umgebung deines Motivs erfassen und trotzdem ein wahnsinnig scharfes Bild mit einem schönen, natürlichen Übergang in die unscharfen Bereiche genießen.
- Keine Verzerrung: Da es näher an einer Standardbrennweite liegt, bekommst du nicht die extreme perspektivische Dehnung an den Bildrändern, wie bei einem Weitwinkelobjektiv. Vertikale Linien bleiben vertikal.
Die GW690 zeigt dir genau das, was deine Augen sehen, nur auf ein so detailliertes Filmstück übertragen, dass du praktisch in den Abzug hineintreten kannst.
Das Weitwinkel-Architektur-Monster: Fuji GSW690 (65mm Objektiv)
Dann haben wir die große, kühne GSW690. Das „S“ steht für Super Wide (obwohl „super“ vielleicht etwas dramatisch ist) und sie ist mit einem fest eingebauten 65mm f/5.6 EBC Fujinon Objektiv ausgestattet. Nach unserer Mittelformat-Mathematik entspricht ein 65mm Objektiv auf einem 6x9 Negativ ungefähr einem 28mm Objektiv im Vollformat.
Ein 28mm Äquivalent ist eine grundlegend andere Art, die Welt zu sehen, verglichen mit einem 39mm. Es zwingt dich, näher heranzugehen. Es öffnet die Szene komplett. Es verändert, wie du mit deinem Motiv und dem Hintergrund interagierst.
Für wen ist die GSW690 geeignet?
- Landschafts- und Naturfans: Wenn du deine Wochenenden mit Wandern in den Bergen oder Fahrten in die Wüste verbringst, fängt die GSW beeindruckende, dramatische Panoramen wunderschön ein. Du kannst eine ganze Schlucht in einem einzigen Bild festhalten, und die EBC-Beschichtung des Objektivs bewältigt das Fotografieren gegen die Sonne mit erstaunlicher Blendenfleckresistenz.
- Architekturliebhaber: 28mm ist eine legendäre Brennweite für die Aufnahme von Gebäuden. Das 65mm Objektiv erlaubt es dir, quer über eine enge Stadtstraße zu stehen und trotzdem eine komplette mehrstöckige Fassade zu erfassen. Es ist atemberaubend für urbane Umgebungen.
- Maßstab und Dramatik: Weitwinkelobjektive übertreiben die Distanz zwischen Vorder- und Hintergrund. Wenn du ein Motiv nah an der Kamera mit einer weiten Landschaft dahinter platzierst, lässt die GSW das Foto riesig und deutlich dreidimensional wirken.
Der Hauptnachteil der GSW690 ist die maximale Blendenöffnung. Mit f/5.6 ist sie ziemlich langsam. In Kombination mit der Notwendigkeit eines externen Belichtungsmessers wirst du oft schnelleren Film (wie ISO 400 oder 800) brauchen oder stark auf ein Stativ angewiesen sein, wenn du abends oder drinnen fotografieren möchtest.
Das Suchererlebnis
Ein subtiler Unterschied, der selten erwähnt wird, bis man die Kameras tatsächlich in der Hand hält, ist die Sucherrahmung. Beide Kameras haben helle, schöne Sucher mit einem soliden gelben Messsucherfeld in der Mitte für manuelles Fokussieren. Die Rahmenlinien sind jedoch unterschiedlich, um die Objektive zu berücksichtigen.
Bei der GW690 liegen die Rahmenlinien für das 90mm Objektiv bequem innerhalb des Sucherfensters. Du kannst leicht außerhalb des Rahmens sehen, was es dir erlaubt, Motive zu antizipieren, die in dein Bild laufen. Es ist sehr entspannt.
Bei der GSW690 sind die Rahmenlinien wegen des sehr weiten Objektivs bis an die äußersten Ränder des Suchers gedrückt. Wenn du eine Brille trägst, musst du fast dein Auge an das Okular pressen und den Kopf etwas drehen, um die Ecken deines Bildes zu sehen. Es ist kein K.O.-Kriterium, aber deutlich schwieriger, schnell zu komponieren.
Die endgültige Entscheidung treffen
Also, für welche gibst du dein hart verdientes Geld aus?
Ganz ehrlich, der einfachste Weg, das zu entscheiden, ist, auf deine bisherigen Erfahrungen zu schauen. Wenn dein Lieblingsobjektiv an einer digitalen Kamera oder einem 35mm Filmkörper immer ein 35mm oder 50mm war, nimm die GW690. Sie wird sich sofort vertraut anfühlen, nur tausendmal detaillierter. Sie ist der perfekte Begleiter für unterwegs, vorausgesetzt, deine Kameratasche hat eine ausreichend große Öffnung für den massiven Body.
Wenn du hingegen den weiten Look eines 24mm oder 28mm Objektivs liebst, wenn du dich ständig an Wände zurückziehst, um ganze Gebäude ins Bild zu bekommen, oder wenn dein Hauptfokus dramatische Landschaften sind, ist die GSW690 deine Traumkamera. Du wirst die schiere Größe der Bilder, die sie produziert, nie überdrüssig werden.
Wenn du auf der Suche nach einem dieser großartigen Geräte bist oder erkundest, was die manuelle Mittelformatfotografie sonst noch zu bieten hat, ist eine breite Suche nach Fuji 690 Modellen ein großartiger Startpunkt. Da weder die GW noch die GSW eine interne Belichtungsmessung haben, solltest du dir unbedingt einen soliden Belichtungsmesser zulegen, bevor du ins Feld gehst, um zu vermeiden, dass du teuren 120 Film mit acht schlecht belichteten Aufnahmen verschwendest. Und glaub mir, angesichts der massiven und schweren Vollmetall- oder dichten Plastik-Messsucher ist ein Upgrade auf einen breiten, bequemen Kameragurt entscheidend, um deinen Nacken bei langen Fotospaziergängen zu schonen.