Wie man den verträumten „Pastell“-Look durch Überbelichtung von Film erzielt
Wenn du in letzter Zeit durch die Filmfotografie-Seiten auf Instagram oder Pinterest gescrollt hast, hast du es definitiv gesehen. Diese unglaublich weichen, hellen und luftigen Fotos. Das Grün sieht aus wie Minze, das Rot wie sanfter Pfirsich, und der Himmel ist ein atemberaubendes blasses Blau. Es sieht fast mehr wie ein Aquarellbild als ein Foto aus.
Als ich vor langer Zeit mit der Filmentwicklung begann, konnte ich nicht herausfinden, wie die Leute diesen Fine-Art-Pastell-Look hinbekamen. Ich benutzte genau dieselben Filmtypen wie sie, fotografierte dieselben Landschaften oder Porträts, und meine Scans kamen dunkel, kontrastreich und irgendwie matschig zurück. Ich dachte, sie würden einfach stundenlang ihre Filmscans bearbeiten.
Aber das eigentliche Geheimnis für diese wunderschönen Pastelltöne passiert tatsächlich schon in der Kamera, bevor du überhaupt den Auslöser drückst. Es läuft auf einen grundlegenden Trick hinaus: absichtlich und doch versehentlich deine Farbnegativfilme überbelichten.
Warum Film tatsächlich besser aussieht, wenn du ihn überbelichtest
Wenn du mit einer Digitalkamera oder deinem Smartphone angefangen hast, Fotos zu machen, fühlt es sich völlig falsch an, absichtlich zu viel Licht in die Kamera zu lassen. In der digitalen Welt ist Überbelichtung quasi ein Verbrechen. Wenn du bei einem digitalen Sensor die Lichter ausbrennst, sind diese Informationen für immer verloren. Du bekommst reine weiße Stellen, die nie wiederhergestellt werden können.
Farbnegativfilm ist ein ganz anderes Kaliber. Im Gegensatz zu digitalen Sensoren „frisst“ Film Licht zum Frühstück. Filme wie Kodak Portra, Fuji Pro 400H (ruhe in Frieden) und sogar günstigere Optionen wie Kodak Gold haben eine unglaubliche „Belichtungsspielraum“. Spielraum ist nur ein schicker Ausdruck dafür, dass der Film sehr nachsichtig ist.
Wenn du Farbnegativfilm fotografierst, verlieren normalerweise die Schatten zuerst Details und werden körnig. Durch Überbelichtung flutest du diese Schatten mit viel Licht, beseitigst das matschige Korn und glättest das Bild. Gleichzeitig sind die Lichter robust genug, um das zusätzliche Licht zu verkraften, ohne komplett auszubrennen. Das Ergebnis ist ein flacheres, weicheres Bild mit geringerem Kontrast und diesen schönen, gedämpften Pastellfarbverschiebungen.
Wie du absichtlich überbelichtest (die Angst vor der Mathematik nehmen)
Das Konzept ist einfach, aber die Kamera tatsächlich dazu zu bringen, es zu tun, fühlt sich anfangs etwas seltsam an. Es gibt im Grunde zwei einfache Wege, deinen Film zu überbelichten, je nachdem, mit welcher Kamera du fotografierst.
Methode 1: Täusche die ISO-Einstellung deiner Kamera.
Wenn du eine Kamera mit internem Belichtungsmesser und manuellem ISO-Wahlrad hast, musst du der Kamera nur sagen, dass du einen langsameren Film benutzt, als du tatsächlich hast. Wenn du zum Beispiel einen Film Kodak Portra 400 in die Kamera lädst, stell das ISO-Wahlrad nicht auf 400, sondern auf 200. Das sagt dem Belichtungsmesser deiner Kamera: „Hey, dieser Film braucht doppelt so viel Licht wie normal.“ Deine Kamera passt dann automatisch die Messwerte an, um eine Blende mehr Licht einzulassen. Du fotografierst den Film dann ganz normal, und bekommst perfekt überbelichtete Negative.
Methode 2: Benutze das Belichtungskorrekturrad.
Wenn du eine etwas modernere Filmkamera hast, die den DX-Code vom Film automatisch liest (also die ISO nicht manuell änderbar ist), suche das Belichtungskorrekturrad. Es ist meist mit „+1, +2, -1, -2“ usw. markiert. Stell das Rad einfach auf +1. Die Kamera liest die ISO korrekt, überbelichtet aber absichtlich jeden einzelnen Shot um eine Blende.
Belichtung auf die Schatten einstellen
Die zusätzliche Blende Licht einzustellen ist nur die halbe Miete. Die andere Hälfte ist, die Kamera beim Belichten auf das richtige Motiv zu richten. Wenn du diesen hellen und luftigen Fine-Art-Look willst, besonders bei Porträts, musst du auf die Schatten messen.
Wenn du einfach auf eine Person vor einem hellen Himmel zielst, sieht die Kamera den hellen Himmel und unterbelichtet das Motiv, sodass das Gesicht dunkel bleibt. Stattdessen geh nah an dein Motiv heran, richte die Kamera auf die dunkleren Teile der Kleidung oder die schattige Seite des Gesichts und sperre die Belichtung darauf. Wenn du das Messen auf die Schatten mit einer Überbelichtung von +1 Blende kombinierst, werden die Hauttöne unglaublich leuchtend, cremig und weich.
Die besten Filme für Pastelltöne
Du kannst zwar grundsätzlich jeden Farbnegativfilm überbelichten, aber bestimmte Filme zeigen sich besonders schön, wenn du sie mit Licht flutest.
- Kodak Portra 400: Der Goldstandard für den Pastell-Look. Portra verträgt Überbelichtung besser als fast jeder andere Film auf dem Markt. Wenn du Portra 400 bei ISO 200 (eine Blende über) fotografierst, bekommst du unglaublich weiche Hauttöne und süße, warme Farbtöne. Du kannst ihn sogar bei ISO 100 für einen richtig ausgewaschenen, verträumten Look bei hartem Mittagslicht verwenden.
- Kodak Gold 200: Gold tendiert zu sehr warmen und gelben Tönen. Wenn du ihn bei ISO 100 fotografierst, sinkt der Kontrast, und die intensiven Gelbtöne verwandeln sich in wunderschöne, weiche Pfirsich- und Goldtöne. Es ist meine Lieblings-Budget-Option für Sommertage.
- FujiFilm C200 oder Superia: Kodak neigt zu warmen Tönen, Fuji zu kühlen. Wenn du Fuji-Film um eine Blende überbelichtest, bekommst du diese begehrten Minzgrüntöne, sanfte Magentas und sehr klare, eisige Blautöne im Himmel.
Eine kurze Warnung: Alles, was ich hier erwähnt habe, gilt ausschließlich für Farbnegativfilm. Wenn du Diafilm (wie Ektachrome oder Provia) fotografierst, überbelichte ihn auf keinen Fall. Diafilm verhält sich viel mehr wie ein digitaler Sensor. Wenn du Diafilm überbelichtest, ruinierst du deine Fotos. Diafilm immer mit der genauen Box-ISO fotografieren.
Der letzte Schritt: Sprich mit deinem Labor
Dieser Teil ist entscheidend und wird oft übersprungen. Überbelichtung erzeugt ein physisch dickeres, dichteres Negativ. Wenn der Scanner im Labor ein dichtes Negativ sieht, versucht die automatische Software meist, es zu „korrigieren“, indem sie den Kontrast wieder erhöht und das Bild dunkler macht, um auszugleichen.
Wenn du nicht mit deinem Labor kommunizierst, könnten sie deine absichtliche Überbelichtung „korrigieren“ und du bekommst Standardfotos zurück. Wenn du deine Filme abgibst, füge einfach eine kleine Notiz bei oder sag dem Labortechniker: „Ich habe eine Blende überbelichtet für einen weichen, pastelligen Look. Bitte scanne für die Lichter und halte es hell und luftig.“ Ein gutes Film-Labor weiß genau, was du meinst, und passt die Scan-Profile an, um diese schönen, weichen Töne zu bewahren.
Die richtige Ausrüstung
Du brauchst wirklich keine teure Mittelformatkamera, um diesen Look zu erzielen. Jede zuverlässige Kamera, die dir erlaubt, die Belichtung manuell zu steuern oder die ISO-Einstellungen zu ändern, lässt dich den ganzen Sommer über diese verträumten Pastelltöne jagen. Wenn deine aktuelle Kompaktkamera keine manuellen Einstellungen zulässt, ist es vielleicht Zeit, etwas zu holen, das dir mehr kreative Kontrolle gibt.
Wenn du bereit bist, mit manuellen Belichtungen zu experimentieren, empfehle ich dir dringend, eine der klassischen SLR-Kameras zu holen. Sie geben dir volle Kontrolle über Verschlusszeit und Blende, was das Messen der Schatten zum Kinderspiel macht. Und wenn du eine ältere, vollmechanische Kamera ohne eingebauten Belichtungsmesser hast, ist die Investition in einen zuverlässigen, eigenständigen Belichtungsmesser der beste Weg, um sicherzustellen, dass du die +1 Blende Überbelichtung jedes Mal genau triffst.
Lade einen frischen Film ein, dreh das ISO-Wahlrad eine Stufe runter und schau, was ein bisschen extra Licht mit deinen Fotos macht. Wenn du deine ersten richtig überbelichteten Scans aus dem Labor zurückbekommst, wirst du wahrscheinlich nie wieder mit der Box-ISO fotografieren wollen.